UNESCO: 5 Jahre immaterielles Kulturerbe Alpinistisches Wissen und Können der Berg- & SchiführerInnen

Vor fünf Jahren wurde "ich" offiziell zum immateriellen Kulturerbe erklärt. Zumindest ein Teil von mir.

2021 nahm die UNESCO das „Alpinistische Wissen und Können der Berg- & SchiführerInnen" in ihr Verzeichnis für immaterielles Kulturerbe auf. Heute, fünf Jahre später, ist zu Beginn der Sommersaison ein guter Moment, darüber nachzudenken, was das wirklich bedeutet.

Zur Einordnung: 2019 hatte die UNESCO den "Alpinismus" bereits international als immaterielles Kulturerbe der Menschheit gelistet - eine gemeinsame Kandidatur von Frankreich, Italien und der Schweiz. Die österreichische Aufnahme 2021 geht darüber hinaus und würdigt erstmals das spezifische Fach- und Führungswissen der Berg- und Schiführer:innen selbst.

Ich bin seit mehr als 30 Jahren selbständiger Berg- und Schiführer und erlebe dieses Wissen jeden Tag als das, was es wirklich ist: lebendig, angewendet und nie zweimal gleich. Als gerichtlich beeideter Sachverständiger für Alpinistik bringe ich es zudem in Gerichtsverfahren ein, etwa bei der Beurteilung von Bergunfällen. Erworben wird es aber ausschließlich in den Bergen selbst.

Was die UNESCO hier anerkannt hat, ist vor allem ein Wissenstransfer über Generationen: von den Bauern und Jägern des 19. Jahrhunderts, die als erste Gäste durch die Alpen führten, bis hin zur heutigen staatlich anerkannten Ausbildung – einer der anspruchsvollsten alpinen Ausbildungen weltweit.

Es ist vielschichtig:

🔺 Lawinen- und Gefahrenbeurteilung - das tägliche Lesen von Gelände, Schnee und Wetter.

🔺 Risikoabwägung in Echtzeit - das Zusammenspiel von Verhältnissen, Gruppendynamik und den physischen Möglichkeiten jedes Einzelnen.

🔺 Technische Kompetenz in Fels, Eis und Schnee - inklusive Rettungstechniken unter anspruchsvollsten Bedingungen.

🔺 Naturkundliches Wissen - heute wichtiger denn je, da Gletscherschwund, auftauender Permafrost und der Klimawandel die Alpen nachhaltig verändern.

Was mich nach mehr als 30 Jahren besonders beschäftigt: Die Berge verändern sich heute schneller als je zuvor. Instabile Felsflanken, neue Gefahrenzonen und wegbrechende Routen verlangen ständig neue Bewertungen. Überliefertes Wissen allein reicht nicht mehr aus - es muss laufend überprüft, weiterentwickelt und an die aktuellen Bedingungen angepasst werden. Kein Lehrbuch kann ersetzen, was erfahrene Berg- und Schiführer:innen täglich im Gelände beobachten, beurteilen und entscheiden.

Genau deshalb ist es schützenswert. Und genau deshalb muss es von Generation zu Generation weitergegeben werden.

Es ist eine besondere Erfahrung, selbst Teil dieses immateriellen Kulturerbes zu sein.
...schön, dass man mich dafür noch nicht ins Museum gestellt hat. 😉

Allen Kolleg:innen wünsche ich eine sichere und erfolgreiche Saison!